Hörgeräte in der Schweiz sind teuer. Der Staat zahlt Hörgeschädigten weltweit am meisten hinzu. Nun will die Sozialversicherung den Einkauf der Geräte selbst in die Hand nehmen und damit Geld sparen. Die Branche hat dafür kein Gehör.
In keinem anderen Land der Welt schiesst der Staat so viel Geld zu Hörgeräten hinzu wie in der Schweiz. Und dennoch müssen viele Hörgeschädigte Aufpreise aus der eigenen Tasche zahlen. Das Geschäft der Hörgeräte-Hersteller und Akustiker floriert.
Verdoppelung der Verkäufe in den letzten 10 Jahren
In den letzten 10 Jahren hat sich der Verkauf von Hörgeräten in der Schweiz verdoppelt. Allein im letzten Jahr wurden 73'000 Stück abgegeben. Und das Potenzial dieses Marktes ist noch weitaus höher: Nur jeder fünfte Hörgeschädigte trägt ein Hörgerät.
Bis zu 695 Franken zahlt der Staat an ein Hörgerät. Darüber hinaus erhalten Akustiker für Anpassung und Wartung der Geräte eine Dienstleistungspauschale.
Im internationalen Vergleich sind Hörgeräte in der Schweiz teuer. Das Gerät «Naida V UP» des Herstellers Phonak wird beispielsweise in der Schweiz zum siebenfachen Preis verkauft wie in Grossbritannien. Die Wettbewerbskommission hat eine Voruntersuchung eröffnet.
Die Branche könnte nun einen Einschnitt erleben. Die Sozialversicherung erwägt, zur Kostensenkung Hörgeräte zentral einzukaufen. Am kommenden Mittwoch dürfte der Bundesrat die entsprechende Botschaft zur 6. IV-Revision präsentieren. Das letzte Wort wird das Parlament haben.
Die Vertreter der Hörgeräte-Branche haben dafür kein offenes Ohr. Sie warnen vor Qualitätseinbussen, die ein verkleinertes Sortiment mit sich bringen würden. Es bahnt sich ein Machtkampf an zwischen Staat und Industrie

pro audito schweiz unterstützt Art. 21 quater „Beschaffung und Vergütung von Hilfsmitteln“ die Schaffung der gesetzlichen Grundlage, welche es dem Bundesrat ermöglicht, die IV anzuweisen, Hörgeräte in einem Ausschreibeverfahren zu beschaffen, so Barbara Wenk, Zentralpräsidentin. Dies soll nach den Regeln des Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen erfolgen. Die Gesetzesgrundlage wird es ermöglichen, die hohen Margen auf den Hörgeräten zu senken. Der Bundesrat schlägt zudem vor, Pauschalbeträge und Vergütungs-Höchstbeträge festsetzen zu können. Gemeinsam mit der IV und dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) wird pro audito schweiz dieses System so gestalten, dass dabei die zentralen Bedürfnisse der Hörbehinderten berücksichtigt werden. pro audito schweiz will bei der Sanierung der IV tatkräftig mithelfen, die pro audito schweiz werden jedoch keine unverhältnismässigen Leistungskürzungen in Kauf nehmen.
Zahlen
Hörgeräteverkauf in der Schweiz:
2003: 47'325
2004: 52'734
2005: 56'939
2006: 61'520
2007: 66'710
2008: 71'715
2009: 73'102
Zuwachs Hörgeräte-Geschäfte in der Schweiz:
Ende 2004: 290
Ende 2009: 400
Umsatz Hörgeräte-Branche in der Schweiz:
2009: 200 Mio.
Potenzial: 1 Mrd.





