Fortsetzung:
Alma Lanz
Als nächstes steht die Vorlesung eines Dozenten, den ich noch nicht kenne, auf dem Programm. Die Vorlesung ist gut besucht. Glücklicherweise finde ich noch einen idealen Platz in der zweiten Reihe und in der Nähe des Katheders.
Ein Blick auf den Dozenten hemmt meine Motivation ein wenig, denn dieser trägt einen Schnurrbart, der einen Teil seiner Lippen bedeckt. Was Guthörenden nicht weiter auffällt, ist für mich ein Hindernis, denn wie viel ich verstehe, hängt stark davon ab, wie gut ich den Mund des Sprechenden sehe.
Erfreulicherweise spricht der Dozent sehr laut und deutlich, so dass ich der Vorlesung gut folgen kann. Doch als er sich umdreht, um etwas an die Tafel zu schreiben, und dabei mit dem Rücken zum Hörsaal weiter spricht, ist es mit dem Verstehen vorbei. In der Pause spreche ich ihn höflich darauf an, informiere ihn über meine Behinderung und darüber, dass ich darauf angewiesen bin, seinen Mund zu sehen. Er reagiert verständnisvoll, entschuldigt sich und versichert mir, nicht mehr mit dem Rücken zum Publikum zu sprechen.
In der zweiten Stunde fühle ich mich durch eine Kommilitonin hinter mir gestört, die mit ihrer Nachbarin flüstert und dabei mit ihrem Kugelschreiber spielt. Das Flüstern zischt in meinen Ohren und das Geräusch des Kugelschreibers auf dem Tisch erinnert mich an Trommelschläge. Ich drehe mich kurz um, werfe ihr einen genervten Blick zu und hoffe, dass sie den Wink versteht. Doch sie nimmt mich gar nicht wahr und flüstert weiter. Erst als ich ihr einen Zettel zustecke, auf dem ich sie kurz über meine Behinderung aufkläre, sieht sie mich entschuldigend und etwas peinlich berührt an und verhält sich für den Rest der Stunde ruhig.
Der Morgen ist vorbei und viermal habe ich innerhalb dieser vier Stunden über meine Behinderung gesprochen. Dieses kleine Beispiel aus meinem Studienalltag zeigt, wie wichtig es für den erfolgreichen Verlauf meines Studiums ist, mein Handicap zu kommunizieren.
Doch wie mache ich Guthörenden meine Hörbehinderung verständlich? Was will ich mit der Aufklärung Nichtbehinderter über mein Handicap überhaupt erreichen? Im Uni-Alltag möchte ich mir dadurch vor allem Bedingungen schaffen, die mir ein möglichst problemloses Studieren ermöglichen. Dafür reicht es, konkrete Forderungen zu stellen und Verhaltensanleitungen zu geben. Doch wie reagiere ich, wenn jemand mehr wissen möchte? Wie reagiere ich, wenn ich mit Vorurteilen konfrontiert bin? Wichtig ist mir dabei vor allem hervorzuheben, dass Hörbehinderung nicht gleich Hörbehinderung ist.
Sichtbar unsichtbar
Herausgegeben von Caroline Cornelius
Rüegger Verlag
Weitere Informationen über Hörbehinderungen: www.pro-audito.ch





