Alma Lanz
Ich sitze in einem Germanistik-Seminar. Es ist die erste Sitzung dieses Semesters und etwa 50 Studierende versuchen, im viel zu kleinen Seminarraum Platz zu finden. Alle reden durcheinander, lachen und begrüssen sich freudig nach den langen vorlesungsfreien Zeit. Der Lärmpegel steigt mit jeder weiteren Person, die den Raum betritt, weswegen ich beschliesse, meine Hörgeräte für eine Weile auszuschalten. Wie immer bin ich schon etwas früher da, um einen für mich geeigneten Platz zu reservieren. Geeignet heisst in meinem Fall: besonders weit vorne und mit möglichst grossem Überblick über den Raum.

Auf der anderen Seite des Raumes haben soeben zwei mir unbekannte Studentinnen Platz genommen. Nach einer Weile fällt mir auf, dass eine der beiden mich interessiert und irgendwie fasziniert betrachtet. Sie beugt sich zu ihrer Kollegin und beginnt – die Augen noch immer auf mich gerichtet – zu sprechen. Ihre Lippenbewegungen verraten mir, was sie sagt: „Sieh mal! Die da drüben hat ein Hörgerät!“ Nun sieht auch ihre Nachbarin zu mir herüber. Die Blicke der beiden verraten gleichzeitig Interesse, Unsicherheit und Erstaunen. Gerne wüsste ich, was in ihren Köpfen vorgeht. Ist es harmloses Interesse an der „seltenen Spezies“ der Studierenden mit Handicap? Ist es Erstaunen darüber, dass eine hörbehinderte Person ausgerechnet ein sehr sprachbezogenes Studienfach gewählt hat? Ist es Mitleid? Oder etwa sogar Bewunderung?
Während ich darüber nachdenke, spüre ich plötzlich eine Hand auf der Schulter. Neben mir steht eine Kommilitonin, die mich irritiert ansieht. Ihr Blick und ihre Haltung verraten, dass sie wohl schon seit einer Weile dort steht. Ich sehe, dass ihre Lippen sich bewegen und schalte meine Hörgeräte ein. Es klickt in meinen Ohren und das dumpfe Gemurmel mutiert augenblicklich zu unangenehm lautem Geräusch. Die Studentin neben mir redet noch immer auf mich ein und nur mit Mühe kann ich verstehen, dass sie wissen will, ob der Platz neben mir noch frei ist. Ich bejahe und köre sie sogleich über mein Handicap auf, denn ihr anfänglich noch freundliches Gesicht hat mittlerweile einen genervten Ausdruck angenommen. Ein Blick auf meine Hörgeräte, ein Lächeln und ein verständnisvolles Nicken entschärfen die etwas unangenehme Situation.
Allmählich wird es ruhig, denn der Dozent hat den Raum betreten und das Seminar beginnt. Ich überlege, ob ich bereits in der Vorstellungsrunde über meine Behinderung sprechen soll oder ob es besser ist, erst einmal abzuwarten, ob die Aufklärung der Kommilitonen und Kommilitoninnen überhaupt notwendig ist. Ich entscheide mich für Letzteres. Der Dozent teilt ein Text aus. Die heutige Aufgabe besteht darin, den Text zu lesen und anschliessend in Kleingruppen darüber zu diskutieren.
Allmählich steigt der Lärmpegel wieder an, denn einige Gruppen haben bereits mit der Diskussion begonnen. Auch die Mitglieder meiner Gruppe beginnen zu sprechen. Ich sehe, dass ihre Lippen sich bewegen, doch alles, was ich hören kann, ist Lärm. Zur Lösung meiner Verständlichkeitsprobleme fallen mir zwei Möglichkeiten ein: Ich bleibe sitzen, nicke ab und zu, beteilige mich jedoch nicht an der Diskussion und laufe somit Gefahr, für uninteressiert, unintelligent, übermässig schüchtern oder arrogant gehalten zu werden, oder ich kläre die Gruppe über mein Handicap auf und bitte darum, die Diskussion auf den Flur zu verlegen. Wiederum entscheide ich mich für Letzteres und ernte damit neben allgemeinem Verständnis auch einige überraschte Blicke auf meine Ohren. Auf dem Flur kann ich nun endlich mitdiskutieren, doch einfach ist es auch hier nicht. Wenige Meter von uns entfernt sitzen einige Studentinnen beim Kaffee und ihr Gelächter dringt im hallenden Flur laut zu uns hinüber. Nur mit höchster Konzentration gelingt es mir, die Voten aller Gruppenmitglieder zu verstehen.
Nach zwei Stunden angestrengtem Zuhörens fühle ich mich müde und ausgelaugt, doch der Morgen hat erst begonnen und ich habe noch eine Veranstaltung vor mir.
Fortsetzung folgt.
Sichtbar unsichtbar
Herausgegeben von Caroline cornelius
Rüegger Verlag





