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Viva Espania!

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Viva Espania!

Es ist jetzt Sonntagabend in Santiago, der Tag, an dem das Finalspiel Spanien gegen Deutschland stattfinden wird. Hier spielt sich ab, was ich vor Jahren schon in Sevilla erlebt habe, mit dem Unterschied, dass heute viele Burschen und Mädchen die Spanische Flagge über die Schultern geworfen haben. Eine ungestüme jugendliche Menge, jetzt – nach der Final-Qualifikation – offenbar zu euphorischen Fussballfans aller Spanier geworden, zieht durch die Strassen. Man könnte meinen, es habe Hunderte von Kneipen und Bars, und alle quellen sie über. Keiner scheint daheim geblieben zu sein, ein schwindelndes Gewimmel von Spermatozoiden, die da durcheinander wuseln.


Sie strömen vorerst in alle Richtungen, ziehen in die Kneipen und kommen wieder heraus, haken ihr Blicke ineinander, suchen, werben, trinken, schreien, formieren sich zu Ketten, die wieder auseinanderfallen, bilden Knäuel, wirken betäubt vom Lärm und ihrer eigenen hohen Stimmen. Wer daheim bleibt, muss verrückt sein, wer jetzt irgendwo ein Buch liest, wird verbannt und ausgestossen. Hier muss man jetzt sein, zwischen den ekstasischen Gesichtern mit den glänzenden Augen, den Sprechgesängen, der lauten Musik, die aus den Kneipen dröhnt.

Viva Espania!!
Über all diesen Köpfen hängt ein Hauch von Sehnsüchten. Spanien, das so lange innerhalb der eigenen Wände gelebt hat, hat sich Europa zugewendet, will die Schatten der Vergangenheit vertreiben. Alles will nachgeholt werden. Sogar der Titel eines Europameisters, ist in erreichbare Nähe gerückt. Mit einer Leidenschaft  und einer Atemlosigkeit stürmt die Menge nun hinaus aus der Altstadt und geht weiter bis zum La Praza Roxa Llena, einem grossen Platz in einem nahen Aussenquartier. Hier wird la final-partido auf einer Grossleinwand übertragen und als die Partie angepfiffen wird, verstärkt sich die euphorische Begeisterung der fröhlichen singenden, tanzenden und skandierenden Menge zu einem eigentlichen Rausch, in dem alles unterzugehen scheint. Als nach einer guten halben Stunde der Spanier Torres, der blonde Engel, den Ball nach einem gewonnenen Zweikampf gegen Lahn am Torhüter Lehmann vorbeispitzelt, ist die Menschenmenge nicht mehr zu halten. In ekstatisch, tosendem Beifall und mit Böllerschüssen wird die Führung gefeiert. Nachdem der Match für die Spanier siegreich mit 1: 0 endet und der Titel Campeones de Europa feststeht, beginnt ein neues Spektakel.

Die aficionados  bilden jetzt einen Kreis vor- und zurückgehender Menschen, die miteinander sprechen. So etwas habe ich noch nie gesehen, und ich war wieder genau so bewegt wie damals in Sevilla, als ich Exil-Katalanen die sardana tanzen sah. Offenbar eine Gemeinsamkeit, die noch eine Form hat, die des Tanzes und des Gesprächs, das sich ebenfalls in einem bewegenden Kreis abspielt. Dann und wann lodert der Tanz heftig auf und doch wirkte er kontrolliert. Auf diese eindrückliche Weise endete für mich – der ich in meiner Beobachterrolle, mit meinem autistischen Selbst fast ein wenig neidisch war – ein trotzdem wunderbares Erlebnis im Kreise der Spanier.

Zurück in der Hotelhalle tanzt in der Lobby sogar die weibliche Nachtwache die Macarena und an Stelle ihres sonst so strengen Gesichtsausdruckes ist ein fröhliches, wenn auch stolzes Lächeln getreten.    
Espania

Essay von Heinz Wehrli, v/o Schimpans, Lugnorre FR